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Das Lied vom runden Tisch

Das Lied vom runden Tisch
Diesen Text hat Hans Dieter Hüsch vor 46 Jahren geschrieben

Für mich sind die Worte hochaktuell!
 
Den möcht' ich seh'n  Der mir untersagt  Mich mit einem Liberalen  An einen runden Tisch zu setzen!  Den möcht' ich seh'n 

Wie er festen Schritt's auf mich zukommt  Die Hände in den Taschen  Und dann von oben runter fließend zu mir sagt:  "Mit wem sitzt denn du da?  Feines Gesocks, was?  Na ja, du warst ja schon immer was Besseres!  Das Bier würd' mir nicht schmecken!  So täuscht man sich halt –  Wechselst mal wieder das Hemd  Wie mir scheint!"  Darauf gibt's nur eine Antwort:  "Quatschkopf! –  Dieser Liberale hier  Ist mein Freund!"  

Den möcht' ich sehen  Der mir untersagt  Mich mit einem Christen  An einen runden Tisch zu setzen!  Den möcht' ich sehen –  Wie er feinnervig mich beäugt  Sich bei mir einhakt, ein paar Schritte mich entführt  Und dann in seiner hochgestochnen Suppe rührt:  "Du mit dem?  Das halt' ich für absurd!  Dessen Bier schmeckt doch nach Weihwa**er –  Und nichts ist bewiesen!  Die Kirche ist doch ein alter Hut –  Was für alte Leute, wo man betet und greint!"  Darauf gibt's nur eine Antwort:  "Deine Ansicht! –  Aber dieser Christ hier  Ist mein Freund!" 

Gott, wieviel Jahre wünsch' ich mir schon  Einen alten großen runden Tisch  An dem die verschiedensten Menschen sitzen  Und einer davon wär' der Hüsch!  

Den möcht' ich sehen  Der mir untersagt  Mich mit einem Erzdemokraten  An einen runden Tisch zu setzen!  Den möcht' ich sehen –  Wie er zunächst überlegt  Dann aber doch mich anspricht  Zunächst um den heißen Brei geht     Dann aber doch zu verstehn gibt –  Ungeheuer enttäuscht zu verstehn gibt:  "Na ja, Sie hatten ja schon immer 'ne Vorliebe für gewisse Extreme!  Wir dachten uns nur  Wo Sie jetzt älter geworden, hätte sich das gelegt!  Erstaunlich, erstaunlich –  Gerade von Ihnen hätten wir das gemeint!  

Darauf gibt's nur eine Antwort:  "Sie mögen Recht haben! –  Aber dieser Erzdemokrat hier  Ist mein Freund!"  

Den möcht' ich sehen  Der mir untersagt  Mich mit einem Kommunisten  An einen runden Tisch zu setzen!  Den möcht' ich sehen –  Wie er auf mich zufedert  Mir die rechte Hand auf die linke Schulter legt  Sich dann langsam herabbeugt und zu mir sagt:  "Muss das sein?  Ich meine, Sie können doch auch Ihr Bier woanders trinken –  Haben Sie doch gar nicht nötig!  Und außerdem wird sich das sicher rumsprechen!  Nicht das ich stören wollte –  Ich hab's nur gut gemeint!"  

Darauf gibt's nur eine Antwort:  Vielen herzlichen Dank! –  Aber dieser Kommunist hier  Ist mein Freund!"  

Gott, wieviel Jahre träume ich schon  Den gleichen Traum vom gleichen Stoff  Von Bruder und Schwester, Vater und Sohn  Und einer davon heißt Schretzmeier  Und ein anderer Oberhoff  Und alle reden und trinken, essen und denken  Nach Herzenslust und Gelüsten

Mit Ausnahme der Faschisten!  

Den möcht' ich sehen  Der mir untersagt  Dieses Lied öffentlich vorzutragen –  Den möcht' ich sehen!  Deshalb sing' ich dieses Lied  Und wollte das hier mal sagen!

Kommentare

 
Weitblick Gestern, 16:25
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