Ausländer raus
08.09.2026 18:53
Ausländer raus
08.09.2026 18:53
Ausländer raus
Es war kalt, ich saß in einem kleinen Büro, mitten in Linz, am Hauptplatz. Der Raum war im Erdgeschoß des alten Rathauses. Damals war das Rathaus noch nicht saniert, so wurde noch mit Kohle geheizt. Ebenfalls hatten die Fenster ihre Glanzzeit bereits hinter sich.
So war es Anfang Dezember bitterkalt und ich hatte für drei Monate einen Job. Als Koordinator sollte ich das Linzer Lichtermeer organisieren. Die rechte FPÖ unter Jörg Haider hatte zum Ausländervolksbegehren aufgerufen. In vielen Punkten wurde darlegt, warum Ausländer nicht gut sind und ihre Zahl wieder einmal reduziert werden muss. Das Volksbegehren sollte Anfang 1993 stattfinden. Die rechte Partei hatte wieder einmal ihr Lieblingsthema ausgepackt.
Die Antwort war ein großes Lichtermeer in Wien am 23. Januar 1993. In mehreren kleinen Städten sollten zeitgleich ebenfalls Lichtermeere stattfinden. Ich war für Linz zuständig.
Die vielzitierte Zivilgesellschaft war aufgerufen, ein klares Zeichen gegen dieses Volksbegehren und deren Unmenschlichkeit zu setzen.
Ich hatte viel zu tun. Mein Ansatz war, möglichst viele Menschen schon im Vorfeld des Lichtermeeres miteinander ins Gespräch zu bringen. So vereinbarte ich mit zwei Tageszeitungen, dass sie im Vorfeld der Veranstaltung täglich Menschen zu Wort kommen lassen. So wurden täglich kurze Aussagen von Menschen, warum sie dieses Lichtermeer unterstützen, abgedruckt. Ebenso wurden in der großen Linzer Einkaufsstraße Unterschriften gegen das Ausländervolksbegehren gesammelt. Viele machten mit, PolitikerInnen, Prominente, Menschen mit Bekanntheitsgrad und Menschen, die nicht bekannt waren. Alle waren aktiv.
Natürlich habe ich etwas nachgeholfen. Ich habe sie einfach eingeteilt. Wer dabei sein wollte, musste sich einbringen.
So habe ich mir Dialog vorgestellt. Meine Rechnung ging auf.
An jenen Morgen, ich war noch allein, fast im Tiefschlaf, versuchte ich, die nächsten Termine zu koordinieren.
Plötzlich ging die Tür auf, ein alter Mann stand in der Tür. Er kam direkt vom Marktplatz und wollte Folgendes loswerden:
„Ausländer raus, ich komme bestimmt nicht zum Lichtermeer!“
Dann drehte er sich um und wollte das Weite suchen.
Augenblicklich war ich hellwach.
Ich stand auf und eilte zur Tür.
„Schön, dass sie uns besuchen sind, möchten sie einen Kaffee?“
Mit allem hatte der alte Mann gerechnet, nur nicht mit einer Kaffeeeinladung.
Wieder drehte er sich um, schaute mich mit kritischem Blick an. Nach kurzer Musterung hörte ich:
„Kaffee ist eine gute Idee!“
Der alte Mann trat ein, setzte sich zu meinem Schreibtisch, und legte seinen Stock behutsam auf den Boden.
Ich organisierte zwei Tassen, holte Kaffee. Dann holte ich Milch und Zucker, dann zwei kleine Löffel.
Ich ließ mir Zeit. Der alte Mann ebenfalls.
Wie in Zeitlupe tat er Zucker, dann Milch in seinen Kaffee, dann rührte er genussvoll sein Heißgetränk um.
Da ich ohne alles auskomme, war ich schon einen Schritt weiter und nahm den ersten Schluck.
„Wie geht es ihnen?“
So fing unser Gespräch an.
„Vor einem Jahr ist meine Frau gestorben“, fing der alte Mann zu erzählen an.
„Jetzt bin ich ganz allein in der Wohnung und fühle mich sehr einsam. Mit fällt das Gehen sehr schwer, auch das Einkaufen.“
Ich hörte nur zu.
„Meine Pension ist nicht hoch, jetzt, wo es sehr kalt ist und ich mehr heizen muss, habe ich vor der Gasrechnung große Angst.“
„Ihre Angst verstehe ich“, unterbrach ich nur kurz.
„Meine Frau war meine erste große Liebe, 51 Jahr waren wir verheiratet, ich habe sie immer geliebt“.
Da ich ein neugieriger Mensch bin fragte ich:
„War die lange Ehe immer harmonisch?“
„Um Gottes Wien, nein, das wäre ja langweilig gewesen. Die Else konnte streiten, stundenlang, bis ich den Mund aufbekam. Nicht nur einmal hätte sie mich am liebsten auf den Mond geschossen.“
Er beugte sich kurz zu mir über den Schreibtisch und flüsterte:
„Ich aber auch, manchmal hätte ich meine Else gern auf einen anderen Planeten geschossen, nur damit ich ihr nicht auf dem Mond begegnen muss.“
Dabei strahlte sein Gesicht.
„Meine Else, was habe ich sie geliebt.“
Ich lachte herzhaft und hörte seinen Erzählungen weiter zu.
Zu seinen Kindern hatte er kaum Kontakt, da sie im fernen Ausland leben und ihre eigenen Wege gehen.
Trotzdem spürte ich seinen Stolz.
Unser Gespräch dauerte eine Weile, dann schaute er auf die Uhr und meinte:
„Jetzt muss ich aber gehen, ich habe noch einen Arzttermin.“
Er trank seinen letzten Schluck Kaffee, dann sah er mich an.
„Ich danke Ihnen, dass sie mir Zeit geschenkt, und mir zugehört haben.“
Dann stand er auf, hob seinen Stock auf und ging zu Tür.
Zum letzten Mal drehte er sich nochmal um.
„Übrigens, ich habe nichts gegen Ausländer, ganz im Gegenteil. Im kenne einige, die sind total okay. Aber zum Lichtermeer komme ich wirklich nicht. Wer sich das im Januar ausgedacht hat, ist total bescheuert. Das ist doch viel zu kalt, mitten im Winter.“
Jetzt sah ich den Schalk in seinen Augen.
Auch ich bedankte mich für die wunderbare Begegnung und spürte eine Leichtigkeit in mir.
Vielleicht geht es gar nicht um gute Argumente, sondern, dass die Menschen sich ein wenig Zeit schenken, sich einfach wieder zuhören und sich gegenseitig wahrnehmen.
Text: Weitblick
So war es Anfang Dezember bitterkalt und ich hatte für drei Monate einen Job. Als Koordinator sollte ich das Linzer Lichtermeer organisieren. Die rechte FPÖ unter Jörg Haider hatte zum Ausländervolksbegehren aufgerufen. In vielen Punkten wurde darlegt, warum Ausländer nicht gut sind und ihre Zahl wieder einmal reduziert werden muss. Das Volksbegehren sollte Anfang 1993 stattfinden. Die rechte Partei hatte wieder einmal ihr Lieblingsthema ausgepackt.
Die Antwort war ein großes Lichtermeer in Wien am 23. Januar 1993. In mehreren kleinen Städten sollten zeitgleich ebenfalls Lichtermeere stattfinden. Ich war für Linz zuständig.
Die vielzitierte Zivilgesellschaft war aufgerufen, ein klares Zeichen gegen dieses Volksbegehren und deren Unmenschlichkeit zu setzen.
Ich hatte viel zu tun. Mein Ansatz war, möglichst viele Menschen schon im Vorfeld des Lichtermeeres miteinander ins Gespräch zu bringen. So vereinbarte ich mit zwei Tageszeitungen, dass sie im Vorfeld der Veranstaltung täglich Menschen zu Wort kommen lassen. So wurden täglich kurze Aussagen von Menschen, warum sie dieses Lichtermeer unterstützen, abgedruckt. Ebenso wurden in der großen Linzer Einkaufsstraße Unterschriften gegen das Ausländervolksbegehren gesammelt. Viele machten mit, PolitikerInnen, Prominente, Menschen mit Bekanntheitsgrad und Menschen, die nicht bekannt waren. Alle waren aktiv.
Natürlich habe ich etwas nachgeholfen. Ich habe sie einfach eingeteilt. Wer dabei sein wollte, musste sich einbringen.
So habe ich mir Dialog vorgestellt. Meine Rechnung ging auf.
An jenen Morgen, ich war noch allein, fast im Tiefschlaf, versuchte ich, die nächsten Termine zu koordinieren.
Plötzlich ging die Tür auf, ein alter Mann stand in der Tür. Er kam direkt vom Marktplatz und wollte Folgendes loswerden:
„Ausländer raus, ich komme bestimmt nicht zum Lichtermeer!“
Dann drehte er sich um und wollte das Weite suchen.
Augenblicklich war ich hellwach.
Ich stand auf und eilte zur Tür.
„Schön, dass sie uns besuchen sind, möchten sie einen Kaffee?“
Mit allem hatte der alte Mann gerechnet, nur nicht mit einer Kaffeeeinladung.
Wieder drehte er sich um, schaute mich mit kritischem Blick an. Nach kurzer Musterung hörte ich:
„Kaffee ist eine gute Idee!“
Der alte Mann trat ein, setzte sich zu meinem Schreibtisch, und legte seinen Stock behutsam auf den Boden.
Ich organisierte zwei Tassen, holte Kaffee. Dann holte ich Milch und Zucker, dann zwei kleine Löffel.
Ich ließ mir Zeit. Der alte Mann ebenfalls.
Wie in Zeitlupe tat er Zucker, dann Milch in seinen Kaffee, dann rührte er genussvoll sein Heißgetränk um.
Da ich ohne alles auskomme, war ich schon einen Schritt weiter und nahm den ersten Schluck.
„Wie geht es ihnen?“
So fing unser Gespräch an.
„Vor einem Jahr ist meine Frau gestorben“, fing der alte Mann zu erzählen an.
„Jetzt bin ich ganz allein in der Wohnung und fühle mich sehr einsam. Mit fällt das Gehen sehr schwer, auch das Einkaufen.“
Ich hörte nur zu.
„Meine Pension ist nicht hoch, jetzt, wo es sehr kalt ist und ich mehr heizen muss, habe ich vor der Gasrechnung große Angst.“
„Ihre Angst verstehe ich“, unterbrach ich nur kurz.
„Meine Frau war meine erste große Liebe, 51 Jahr waren wir verheiratet, ich habe sie immer geliebt“.
Da ich ein neugieriger Mensch bin fragte ich:
„War die lange Ehe immer harmonisch?“
„Um Gottes Wien, nein, das wäre ja langweilig gewesen. Die Else konnte streiten, stundenlang, bis ich den Mund aufbekam. Nicht nur einmal hätte sie mich am liebsten auf den Mond geschossen.“
Er beugte sich kurz zu mir über den Schreibtisch und flüsterte:
„Ich aber auch, manchmal hätte ich meine Else gern auf einen anderen Planeten geschossen, nur damit ich ihr nicht auf dem Mond begegnen muss.“
Dabei strahlte sein Gesicht.
„Meine Else, was habe ich sie geliebt.“
Ich lachte herzhaft und hörte seinen Erzählungen weiter zu.
Zu seinen Kindern hatte er kaum Kontakt, da sie im fernen Ausland leben und ihre eigenen Wege gehen.
Trotzdem spürte ich seinen Stolz.
Unser Gespräch dauerte eine Weile, dann schaute er auf die Uhr und meinte:
„Jetzt muss ich aber gehen, ich habe noch einen Arzttermin.“
Er trank seinen letzten Schluck Kaffee, dann sah er mich an.
„Ich danke Ihnen, dass sie mir Zeit geschenkt, und mir zugehört haben.“
Dann stand er auf, hob seinen Stock auf und ging zu Tür.
Zum letzten Mal drehte er sich nochmal um.
„Übrigens, ich habe nichts gegen Ausländer, ganz im Gegenteil. Im kenne einige, die sind total okay. Aber zum Lichtermeer komme ich wirklich nicht. Wer sich das im Januar ausgedacht hat, ist total bescheuert. Das ist doch viel zu kalt, mitten im Winter.“
Jetzt sah ich den Schalk in seinen Augen.
Auch ich bedankte mich für die wunderbare Begegnung und spürte eine Leichtigkeit in mir.
Vielleicht geht es gar nicht um gute Argumente, sondern, dass die Menschen sich ein wenig Zeit schenken, sich einfach wieder zuhören und sich gegenseitig wahrnehmen.
Text: Weitblick
Jetzt