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Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Café am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Erich Kästner

Heute also mal ein Ausflug in die Niederungen Menschlicher Beziehungen. Mein Lieblingswerk von Kästner! Ich kann das Paar beim Lesen direkt vor mir sehen und muß an zu Ende gehende Beziehungen bei mir oder im Freundeskreis denken. Wobei es ja im Gedicht offen bleibt ob eine Trennung passiert oder ob das Paar wieder Zugang zueinander findet. Bei manchen paaren hält dieser Zustand der Fassungslosigkeit ja verdammt lange an ehe in irgendeiner Form gehandelt wird! Wie dem auch sei... es ist eine beeindruckende Situationsbeschreibung die sicher nicht nur mir von Zeit zu Zeit Gänsehaut bereitet...

Wer sich das Gedicht anhören will kann dies über folgenden Link tun:

http://lrc-web.modlang.ohiou.edu/lrc/poetry/kaestner/vdLippe.mp3

(gelesen von Jürgen von der Lippe) viel spaß beim Lesen und Hören!

 


Kommentare (11)

Hallo Ihr!

 

Lange habe ich überlegt ob ich einen Weblog wie diesen überhaupt beginnen soll denn schließlich gibt es ja im Forum genug Platz um seine Lieblingsgedichte und Texte zu posten! Was mich letztendlich dazu bewog sie doch hier einzustellen war der Gedanke, daß sie hier länger überdauern und nicht nach einer gewissen Zeitspanne einfach wieder aus dem System fallen. So kann eine kleine Sammlung endstehen auf die wir alle längerfristig zugreifen können und die zum schmökern einladen soll ähnlich wie dies in meinem Gästebuch bereits der Fall ist. Natürlich freue ich mich über Feedback Eure Meinungen und Gedanken zu den Texten! Viel Spaß beim Lesen!

 

Stufen

Wie jede Blüte welkt und jede Jugend
Dem Alter weicht, blüht jede Lebensstufe,
Blüht jede Weisheit auch und jede Tugend
Zu ihrer Zeit und darf nicht ewig dauern.

Es muß das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
in andre, neue Bindungen zu geben.

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir sollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.

Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.

Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden ...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!

 

Hermann Hesse

 

Eigener Gedanke: Für mich gibt es keine treffendere Erinnerung an die Tatsache das Leben immer Entwicklung bedeutet als dieses Gedicht. Wir müssen immer wieder Abschied nehmen von Dingen die uns vertraut sind und uns neuen Herausforderungen stellen. Die Ermahnung und Ermutigung heiter durchs leben zu gehen und den Lauf der Dinge anzunehmen ist immer wieder aufs Neue unglaublich wertvoll!

 


Kommentare (7)